"Wege des Widerstands"

Ein Konzertwunsch wurde zum Ausgangspunkt für ein Projekt, das ich nicht loslassen konnte. Schnell war klar: Diese Musik braucht ihren historischen Kontext. Auf der Suche nach Antworten bin ich auf Irene Harand und Wilhelm Zehnergestoßen: zwei unterschiedliche Wege des Widerstands, die ich bewusst nebeneinander stelle. Mit Musik von Gustav Mahler, Alban Berg, Erich Wolfgang Korngold und Alexander Zemlinsky ist ein Abend entstanden, der Haltung sichtbar macht .... getragen von vielen, nicht von mir allein.

Es begann mit einem Wunsch, der an mich herangetragen wurde: für ein Konzert deutschsprachige Lieder aus den 30er- und 40er-Jahren zu singen. Schnell war mir klar: Diese Musik kann nicht ohne ihren historischen Kontext stehen. Ich wollte sie nicht losgelöst vom Nationalsozialismus präsentieren, sondern in eine klare inhaltliche Verantwortung stellen. Also habe ich gezielt nach einer österreichischen Widerstandskämpferin aus der Zwischenkriegszeit gesucht und bin auf Irene Harand gestoßen. Ihre Haltung hat mich sofort beeindruckt. Sie hat sehr früh öffentlich gegen Hitler Stellung bezogen und sich konsequent gegen Rassenhass und Gewalt eingesetzt. Besonders berührt hat mich, dass sie aus einem tiefen moralischen Verständnis heraus gehandelt hat. Gleichzeitig hatte ich das Bedürfnis, diesem konsequent pazifistischen Zugang eine zweite Perspektive gegenüberzustellen. Ich habe mich gefragt: Gab es auch innerhalb des Militärs Widerstand gegen Hitler? So bin ich auf Wilhelm Zehner gestoßen, einen General, der früh erkannt hat, welche Gefahr von Hitler ausgeht, und der das Bundesheer auf eine mögliche Verteidigung vorbereitet hat. Mir war von Anfang an wichtig: Diese beiden Menschen sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es ging mir nicht um einen Vergleich, sondern um ein Nebeneinander. Ich spielte das Stück in einer ersten Fassung. Der Abend war nicht erfolglos, aber ich war mit mir und meinem Text nicht zufrieden. Das war 2024. Ich verwarf den ersten Text vollständig und begann neu.

Ich habe fast ein Jahr darüber nachgedacht, gelesen und recherchiert, wie diese Idee funktionieren kann. Es brauchte einen neuen Text. Es brauchte eine neue Dramaturgie. Es brauchte andere Musik. Es brauchte ein vollkommen neues Projekt. Mit der Figur des Generals stellte sich auch eine räumliche Frage. Für mich war klar: Ein General gehört in seine Kaserne. Ich wollte das Stück ursprünglich in der Zehner-Kaserne in Ried im Innkreis aufführen. Diese Idee ließ sich so nicht umsetzen. Das war auch gut so, weil Irene Harand hätte so gar nicht in eine Kaserne gepasst. Also begann eine neue Suche: nach einem Ort, der beiden Figuren, Harand und Zehner, gerecht wird. Parallel dazu blieb mein Wunsch bestehen, die Musik dieser Zeit hörbar zu machen: Werke von Mahler, Berg, Korngold und Zemlinsky. Musik aus einer Phase, in der Österreich politisch und gesellschaftlich unter enormem Druck stand. Die praktische Frage war: Wie bringe ich diese Musik mit Ort und Inhalt zusammen?

Dann ergab sich eher zufällig ein entscheidender Moment. Ich hörte von einem Auftritt der Militärmusik Tirol und davon, dass Oberst Prof. Hannes Apfolterer selbst komponiert. Ich habe recherchiert und gesehen, dass er auch arrangiert. Daraus entstand die zugegeben etwas größenwahnsinnige Idee, ihn zu bitten, ob er sich vorstellen kann, diese anspruchsvolle Literatur für seine Militärmusik, also sinfonisches Blasorchester, zu übertragen und das Projekt gemeinsam umzusetzen. Er war offen dafür – mit berechtigten Zweifeln, ob sich diese Literatur übertragen lässt, und mit großer Bereitschaft, es zu versuchen.

Damit entstand eine neue künstlerische Ebene: Soldat:innen und Zivilist:innen gemeinsam auf der Bühne. Ein Bild, das sichtbar macht, worum es im Stück geht.

Ein weiterer wichtiger Schritt ergab sich aus einem Gespräch mit Julia Schmitzberger vom Tiroler Kulturservice. Sie hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, das Projekt auch für Schulen anzubieten. Das war für mich sofort stimmig. Die Arbeit mit jungen Menschen ist mir wichtig, weil dort oft eine unmittelbare, unverstellte Auseinandersetzung entsteht. Aus der Kollegin Schmitzberger wurde eine Verbündete und Mitstreiterin. Gemeinsam haben wir die Idee weiterentwickelt und dem Militärkommando Tirol vorgestellt. Auch dort gab es Offenheit, das Projekt zu unterstützen und die Militärmusik zu stellen. Damit war die inhaltliche und strukturelle Grundlage gelegt.

Parallel dazu mussten Partner:innen für Finanzierung und Organisation gefunden werden. Umso mehr freut es mich, dass das Land Tirol, der ORF Tirol, die Stadt Innsbruck, die Gemeinden Mieming und Jenbach sowie die Firma Empl das Projekt mittragen. Dass mein langjähriger Bühnenpartner und Freund Thomas Lackner die Regie übernommen hat und wir Esther Frommann für Kostüm und Ausstattung gewinnen konnten, ist eine große Freude und erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Heute steht ein Musiktheaterprojekt, das bewusst unterschiedliche Perspektiven nebeneinanderstellt. Es zeigt, dass Widerstand viele Formen haben kann und dass Haltung immer eine Entscheidung ist, die im jeweiligen historischen Moment getroffen werden muss. Um die Schulklassen bestmöglich vorzubereiten und mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen, haben Major Seidner und ich gemeinsam die Klassen besucht. Wir haben über Demokratie gesprochen, über General Zehner und Irene Harand sowie über die beiden Positionen Pazifismus und Militär. Ziel war es, Argumente auszutauschen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen: mit dem Wunsch, zusammen und nicht nebeneinander in eine gemeinsame Zukunft zu gehen.

Das Projekt wäre ohne die Zusammenarbeit mit Historiker:innen nicht möglich gewesen. Ihnen verdanke wir die inhaltliche Präzision und die Grundlage für den Theatertext. Ihnen gilt unser besonderer Dank, weil ihre Arbeit dafür sorgt, dass Geschichten nicht verloren gehen und auf der Bühne weitergetragen werden können. Kurt Scharr von der Universität Innsbruck ist heute Abend (29.04.) anwesend, und bei dieser Gelegenheit möchte ich allen Historiker:innen danken, die uns so tatkräftig mit ihrem großen Wissen unterstützt haben: dem Zeithistoriker Dr. Dippelreiter und den Historiker:innen der Heeresgeschichtlichen Museen in Wien und Salzburg.

Wie Sie sehen, ist es längst nicht mehr „mein“ Projekt, sondern unser Projekt, und das ist auch gut so. Auf der Bühne und hinter der Bühne stehen Soldatinnen und Soldaten, Zivilistinnen und Zivilisten, die alle gemeinsam hinter der Botschaft des Abends stehen: einer freien, demokratischen Gesellschaft und dem Wunsch, aus der Vergangenheit zu lernen, unsere Geschichte nicht zu vergessen und unsere Gegenwart gemeinsam zu gestalten.


Wege des Widerstands

Datum: 26.04.2026

Adresse

Elisabeth De Roo
Österreich
+43 660 4938137

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